Luxemburger Wort vom 15.11.2011 schreibt:

Drei Chöre, ein Barockensemble und Spitzensolisten

Händel-Triumph in Remich

Burkhard Pütz leitete den „Messias“ in der Dekanatskirche

VON ANDRÉ LINK

Eine fast dreistündige Mammutperformance in der Remicher Dekanatskirche.
(Foto: CARLO THOSS)

Nicht ohne Grund war die Remicher Dekanatskirche am Sonntagnachmittag bis auf den letzten Platz besetzt. Mit der Chorgemeinschaft Heiligkreuz Trier, dem Ensemble vocal „Jubilate Musica“ und der „Chorale réunie Donven-Flaxweiler“ sowie dem Orchester „Estro armonico“ und Topsolisten gelang Burkhard Pütz in der Gesamleitung eine Maßstäbe setzende Interpretation von Händels berühmtestem Oratorium.

Der Trierer Kantor, Organist und Chorleiter ging den Weg der progressiven Steigerung. Den ersten Teil legte er – eher klassisch als barock – melodisch-linear an, unter weitgehendem Verzicht auf starke Impulse und deklamatorisch-dramatische Akzente. Zu der klassizistischen Würde der Remicher Kirche passte dies sehr gut. In innigen Chören wie „Und er wird reinigen und läutern die Söhne Levis“ – es wurde deutsch gesungen – durchdrang mit dem strahlenden Licht der Soprani der messianische Geist die cäcilianische Legio, die den gesamten Kirchenchor füllte. Wollte man die strengen Kriterien gängiger Händel-Auslegungen anwenden, hat es dafür kontrastreichen Chorstellen wie „Denn es ist uns ein Kind geboren“ etwas an dramatischer Kraft gefehlt.

Dem ausgleichenden Konzept des Konzertleiters passte sich das „Estro armonico“ vorbildlich an und ging – mit warmer, großzügiger Tongebung – ab der eröffnenden Sinfonia ganz in die Breite, eine Linie, der es bis zum Schluss mehrheitlich treu bleiben sollte.

Ein gewaltiger Bogen

Der zweite Teil des Oratoriums spannt sich in einem gewaltigen Bogen vom Leidens- zum Auferstehungsgedanken. Sobald Eva Maria Leonardy in engelgleichen Verkündigungsjubel ausbrach und die Trompete ihren gebietenden Ruf erschallen ließ, erwachten die Chöre aus der Lieblichkeit. Fortan sollten sich die Sänger, zu einer exemplarisch intonierenden Gemeinschaft zusammengeschweißt, mit nachgeholtem Temperament zu Schwindel erregenden polyphonen und kontrapunktischen Klanggipfeln emporstemmen. So verflog auch der letzte Hauch einer – durch die oft sehr weiche Artikulierung bedingten – gewissen Naivität. Das monumentale „Halleluja“, das den zweiten Teil abschließt, wurde von euphorischen Trompetenfanfaren gestützt.

Nun, wer Ausdauer genug hatte, zwei Stunden bis zum „Halleluja“ auszuharren, der hing gerne noch vierzig Minuten an, um den recht straff durchgezogenen dritten Teil zu genießen, der in den himmlischen Längen eines überdimensionalen „Amen“ gipfelt. Wieder einmal waren hier die beiden Trompeten mit ihren strahlenden, glasklaren Einsätzen zum Zug gekommen. Aber auch die Solisten machten den „Messias“ zu einem Händel-Triumph. Peter Diebschlag ging einen konsequenten Weg vom melodischen Oratoriengesang zum kraftvoll akzentuierten „Tenore lirico spinto“-Nachdruck..

Makellos war der Parcours des Countertenors Matthias Lucht, der nicht umsonst bei den Besten seines Fachs in die Schule gegangen ist. Zu dem hervorragenden Eindruck, den er hinterließ, gehörten die überaus verständliche, textbezogene Diktion, das angenehme Timbre und die hochkultivierte Phrasierung. Mit vollem Einsatz sprang als Bassist Marek Cepka in die Bresche. Auch wenn seine nicht allzu füllige Stimme zum Schluss gegen die Trompeten nicht ankam, so konnte er doch dank einer einfühlsamen und geradlinigen Textauslegung überzeugen. Was Eva Maria Leonardy betrifft, so scheint sie keine irdische Schwere zu kennen, so natürlich-locker fließt ihr kristallklarer Sopran. Ihr großer Augenblick war die Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ (trotz der schrecklichen Übersetzung „Auch wenn Würmer mich verzehren“). Obwohl sie sparsam mit Verzierungen umging und ihre Ambitionen keineswegs im Musiktheater liegen, ließ sie jeder Wiederholung wunderschön modulierte und kolorierte Variationen zukommen – einmal sogar mit einem opernhaften Anflug. Und dem gesamten Aufführungsapparat blieben nach fast dreistündiger Mammutperformance noch genügend Reserven, das „Halleluja“ zu wiederholen und danach die begeisterten Ovationen des Publikums entgegenzunehmen.

„Der Messias“ wird ein zweites Mal am Sonntag, dem 20. November, um 17 Uhr in der Trierer Heiligkreuz-Kirche aufgeführt.